„Bau deine Geschichte“

– Eine dramaturgische Anleitung für deinen Kurzfilm –

Dieser Lehrgang richtet sich an alle, die einen Kurzfilm von 4 bis 6 Minuten Laufzeit drehen möchten und nach einer einfachen Anleitung suchen, um ihre Geschichte zu bauen. Der Lehrgang kann auch für längere Erzählungen verwendet werden, allerdings musst du ihn dann entsprechend anpassen, indem du mehrere Szenen in deine Geschichte einarbeitest.

Die folgenden Kapitel sind eine konkrete Anleitung zum Bauen einer wirksamen Geschichte mit einer Hauptfigur und einem klaren Konflikt als Motor. Der Lehrgang ist also ein Leitfaden, in dem wir einen ganz konkreten Weg aufzeigen, wie du deine Geschichte entwickeln kannst. Wir gehen also nicht näher auf dramaturgische Erklärungen oder alternative Möglichkeiten ein.

Wenn du dich intensiver mit der filmischen Dramaturgie beschäftigen willst, und mehr darüber erfahren möchtest, wie man eine Geschichte erzählt, solltest du zu unserem ausführlicheren Lehrgang für fortgeschrittene wechseln:

Du wirst deine Geschichte anhand der folgenden Schritte aufbauen:


Kapitel 1: Die gute (Kurz-) Geschichte

Eine gute Geschichte kann aus allem Möglichen entstehen, daher ist es wichtig, offen für originelle und ungewöhnliche Ansätze zu sein. Sei dir jedoch gleichzeitig bewusst, dass manche Geschichten besser funktionieren als andere.

In der folgenden Übersicht findest du einen Leitfaden mit einigen für Kurzfilme typischen Eigenschaften.

HINWEIS: Wenn du eine gute Idee hast, an die du glaubst, ist es wichtiger, daran festzuhalten und sie auszuprobieren, auch wenn sie nicht in die folgenden Richtlinien passt – oft sind es gerade diese Filme und Geschichten, an die wir uns am besten erinnern.


Kapitel 2: Thema & Richtung

Thema:

Wenn du eine Geschichte entwickeln möchtest, solltest du zunächst das Thema der Geschichte festlegen.

Worüber möchtest du etwas erzählen? Hier ist es wichtig, dass du dir ein grundlegendes und allgemeingültiges Thema überlegst. Das können weit gefasste Themen wie Liebe oder Einsamkeit sein, aber auch spezifischere Themen, zum Beispiel Spielsucht oder Arachnophobie (die Angst vor Spinnen).

Da die Arbeit an einem Film sehr anspruchsvoll sein kann, ist es eine gute Idee, ein Thema zu wählen, das dich interessiert oder das für dich relevant ist. Du kannst auch ein Thema wählen, zu dem du eine Meinung hast oder über das du mehr erfahren möchtest.

Betrachte das Thema als die große Überschrift für deine Erzählung – es sollte sich mit möglichst wenigen Worten beschreiben lassen.

Schau dir folgendes Beispiel an und achte dabei darauf, wie das Thema dauernd im Spiel ist.

Kurzfilmen „For the Birds“ – Thema: Toleranz

Ist dir aufgefallen, dass sich das Thema durch die gesamte Handlung zieht? Schon von Anfang an beginnen die kleinen Vögel zu streiten, bevor der große Vogel auftaucht. Am Ende dient der grosse, tolerante Vogel als Schutz für die kleinen, intoleranten Vögel. Dein Thema sollte also der rote Faden deiner Geschichte sein.

Da du zu jedem beliebigen Thema eine Geschichte aufbauen kannst, ist es besser, sich schnell für ein Thema zu entscheiden und systematisch damit zu arbeiten, anstatt viel Zeit damit zu verbringen, das „richtige” Thema zu finden.

Wenn du Schwierigkeiten hast, ein Thema zu finden, kannst du dich hier inspirieren lassen.

Übung – Finde dein Thema


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Richtung oder Grundstimmung:

Nachdem du nun dein Thema gefunden hast, müssen wir deiner Geschichte eine Richtung oder Grundstimmung geben.

Du bist sicher schon einmal auf den Begriff „Filmgenres“ gestoßen und kennst sicherlich auch einige davon: Western, Horror, Komödie und viele mehr. In unserem Zusammenhang ist es jedoch sinnvoller, von Richtungen und Grundstimmungen auszugehen. Hier hast du die Wahl zwischen:

Übung – Szenarienspiel


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Je früher du diese Entscheidungen triffst, desto schneller kannst du mit dem Bau der eigentlichen Geschichte beginnen. Diese Entscheidungen geben dir einen Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung deiner Geschichte.
Hinweis: Du kannst deine Entscheidungen während des Entwicklungsprozesses jederzeit ändern, wenn du feststellst, dass eine andere Option besser ist. Das ist in einem organischen Prozess völlig normal.

Du kannst Thema, Grundstimmung und Richtung frei kombinieren. Es macht Sinn, das du im laufe der Entwicklung deiner Geschichte verschiedene Szenarien ausprobierst.


Kapitel 3: Hauptfigur, Konflikt & das Universum des Films

“I choose to run towards my problems, and not away from them. Because that’s what heroes do.”

Chris Hemsworth, Thor (2011)

Die absolut wichtigste Figur in deiner Geschichte ist die Hauptfigur (Protagonist). Das ist die Person, durch die wir normalerweise die Geschichte erleben und mit der wir uns identifizieren. Schon früh in der Geschichte muss der Protagonist erkennen, dass er/sie ein Problem hat, das gelöst werden muss. Und je schwieriger es ist, das Problem zu lösen, desto mehr wird das Publikum dem Protagonisten die Daumen drücken, und desto besser ist die Geschichte.

Eine Geschichte kann auch als Versuch definiert werden, Lösungen für ein Problem zu finden. In einer dramatischen Geschichte ist es jedoch wichtig, dass die Lösung nicht sofort eintrift: Der Protagonist muss auf die Lösung hinarbeiten, und je schwieriger es für ihn/sie ist, desto besser.

Das Problem oder der Konflikt, den die Hauptfigur im Laufe der Geschichte lösen muss, sollte mit dem Thema zusammenhängen, das du für deinen Film gewählt hast. Gleichzeitig ist es ratsam, dass das Problem bzw. der Konflikt für das Publikum klar und deutlich erkennbar ist. Mit anderen Worten:

Der Konflikt sollte also eine der vielen Möglichkeiten sein, wie sich das Thema manifestieren kann.

Oft hängt der Konflikt mit dem Willen oder Wunsch der Hauptfigur zusammen – er steht dem im Weg, was die Hauptfigur erreichen will. Im unteren Beispiel ist das Thema „Übergewicht“ und die gesundheitlichen Konsequenzen. Der Wille der Hauptperson ist es, nach Hause zu gehen – kannst du sehen wie Thema und Konflikt zusammenhängen?

Schau dir den Kurzfilm „Unten Durch“ von Friedrich Tiedtke an:

Kurzfilm „Unten Durch“

Das letzte Element, das du benötigst, um deine Geschichte bauen zu können, ist das Universum des Films. Das heißt: Zeit und Ort, an dem sich die Geschichte abspielt. Es ist eine gute Idee, das Universum des Films (Story World) so stark wie möglich zu begrenzen, da es dem Publikum so leichter fällt, sich zurechtzufinden. Verwende ruhig einige deiner Drehorte im Film mehrfach, anstatt jede Szene an einem neuen Ort spielen zu lassen – das schafft Zusammenhang zwischen Welt und Geschichte.

Zur Welt deines Films gehört auch ein Regelwerk. Wenn deine Geschichte beispielsweise an einer Schule spielt, musst du erzählen, wie genau diese Schule funktioniert. Welche Normen gelten an genau dieser Schule? Wer hat das Sagen? Wer nicht? Was ist das Besondere an gerade dieser Schule?

HINWEIS: Lege nur Regeln fest, die für deine Geschichte relevant sind.

Wenn du tiefer in die Figuren, den Konflikt oder das Universum eintauchen möchtest, kannst du das hier tun:

Übung – Hauptperson, Konflikt & Welt der Geschichte


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Kapitel 4: Zeitleiste & Pitch Deck

In Kapitel drei wurden alle Elemente aufgezeigt, die du zum Bau deiner Geschichte benötigst: Du hast ein Thema und einen dazugehörigen Konflikt bzw. eine Problemstellung, die deine Hauptfigur in der Welt der Geschichte lösen soll.

Der nächste Schritt besteht darin, herauszufinden, was in deiner Geschichte eigentlich passieren wird. Du musst nun den eigentlichen Handlungsverlauf deines Films erfinden. Beginne damit, eine Zeitleiste zu erstellen, in die du die Szenen der Geschichte in der richtigen Reihenfolge einfügen kannst. Ohne eine Zeitleiste kann es schwierig sein, den Überblick über deine Erzählung zu behalten.

Lasst uns den Kurzfilm „Signs“ als Beispiel nehemen.

Kurzfilm „Signs“:

Und hier die Zeitleiste für den Kurzfilm „Signs„:

Illustration:

Ein Film von 4–6 Minuten Länge umfasst in der Regel 3–5 Szenen/Sequenzen (eine Sequenz ist eine Reihe von Szenen, die thematisch zusammengehören). Das kann allerdings variieren, und kommt ganz auf deine Geschichte an. Der Kurzfilm „Signs“ ist auch länger als 6 Minuten, hat aber trotzdem nur wenige Szenen/Sequenzen.

Die oberen drei blauen Kästchen der Zeitleiste stellen die wichtigen Ereignisse der Handlung dar: Anfang, Mitte und Ende, an denen die Geschichte entscheidende Wendungen nimmt. Das rote Feld ist die auslösende Handlung, die die Geschichte in Gang setzt.

Die beiden unteren blauen Kästchen kennzeichnen vertiefende Szenen/Sequenzen, in denen wir die Motivation der Hauptfigur wirklich verstehen sollen. Diese Szenen/Sequenzen haben typischerweise eine größere emotionale Dimension, in der wir uns als Publikum mit der Hauptfigur identifizieren. Das längliche graue Kästchen in der Mitte kennzeichnet den Konflikt/das Thema des Films in Verbindung mit dem Willen der Hauptfigur.

Illustration:

HINWEIS: Die folgende Übung kann etwas Zeit in Anspruch nehmen und kann gegebenenfalls in mehreren Etappen durchgeführt werden. Es handelt sich um ein organisches Dokument, was bedeutet, dass ihr die bereits ausgefüllten Elemente problemlos ändern könnt, sobald ihr neue Ideen habt und die Geschichte langsam Gestalt annimmt.

Je gründlicher eure Zeitleiste ausgearbeitet ist, desto einfacher wird es, das eigentliche Drehbuch für den Film zu schreiben.

Übung – Zeitleiste


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Wenn du mehr über die Zeitleiste wissen willst, kannst du das hier tun:


Pitch Deck:

Bisher haben wir alles in Worten formuliert, aber Film ist ein visuelles Medium, und deshalb müssen wir uns Gedanken über den visuellen Stil und den ästhetischen Ausdruck unseres Films machen. In diesem Zusammenhang ist es eine gute Idee, ein sogenanntes Pitch Deck (eine visuelle Präsentation für unser Filmprojekt) zu erstellen. Da wir einen Kurzfilm drehen, reicht es aus, ein Mini-Pitch-Deck zu erstellen.

Der Vorteil eines Pitch Decks für deinen Kurzfilm besteht darin, dass es dir die Möglichkeit gibt, deine Geschichte für dich selbst und die anderen Mitglieder deines Filmteams zu präzisieren.

Hier ist ein Beispiel für ein simples Pitch Deck:

Pitch Deck – „Das letzte Stück“:

Wie du an unserem Beispiel sehen kannst, ist die visuelle Gestaltung des gesamten Dokuments ein wichtiger Bestandteil deines Pitch Decks, die einheitlich sein und zur Ästhetik deiner Filmgeschichte passen sollte.

Wenn du mehr über Pitch Decks erfahren und weitere Beispiele sehen möchtest, kannst du das hier tun (dazu benötigst du den Zugang zum Lehrgang „Produziere deinen Film“)

HINWEIS: Die folgende Übung kann etwas Zeit in Anspruch nehmen und kann gegebenenfalls in mehreren Durchgängen durchgeführt werden. Es handelt sich um ein organisches Dokument, was bedeutet, dass ihr die bereits ausgefüllten Elemente jederzeit ändern könnt, sobald euch neue Ideen kommen und die Geschichte langsam Gestalt annimmt.

Ihr könnt die verschiedenen Aufgaben gerne aufteilen, sodass einige von euch an bestimmten Folien arbeiten und die anderen an anderen Folien.

Übung – Pitch Deck


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Kapitel 5: Die Dramatische Szene & Das Drehbuch

Das Drehbuch ist das „Rezept“ für deinen Film – es enthält alle notwendigen Zutaten (Charaktere, Requisiten, Drehorte usw.) und gibt dir eine Anleitung, wie du diese Zutaten miteinander verweben solltest (Dialoge, Regieanweisungen, Szenenabfolge usw.).

Je besser du das Drehbuch schreibst, desto besser und vor allem einfacher werden deine Dreharbeiten – es lohnt sich also, etwas Zeit in das Schreiben des Drehbuchs zu investieren.

Das Drehbuch ist in Szenen unterteilt. Jedes Mal, wenn man den Handlungsort und/oder den Zeitpunkt für die Handlung wechselt, beginnt eine neue Szene. Wir könnten zum Beispiel eine Szene schreiben, in der ein Auto vor einem Hotel vorfährt, das wir von außen sehen. Dann schneiden wir in das Auto hinein, um zu hören, was die Darsteller sagen – das ist dann eine neue Szene, weil wir uns im Inneren des Autos befinden. Wenn wir dann wieder außerhalb des Autos schneiden, um zu sehen, wie die Personen aus dem Auto steigen, ist das eine neue Szene – also insgesamt 3 Szenen.

Wenn du eine Szene für deinen Kurzfilm schreibst, solltest du die Szene als eine kleine Geschichte für sich betrachten – das heißt, die Szene muss eigenständig funktionieren, mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende, genau wie die große Geschichte.

Neben Dialogszenen gibt es auch andere Szenen, wie zum Beispiel Actionszenen und insbesondere Transportszenen (Szenen, in denen sich eine Person von A nach B bewegt) – hier gilt genau dasselbe:

Überlege dir daher, ob wir wirklich sehen müssen, wie LISELOTTE vom Bahnhof zu LUCAS’ Wohnung geht – es sei denn, sie sieht, wie seine Freundin weinend aus seinem Haus rennt?


Formatierung:

Wenn man eine Szene schreibt, verwendet man eine bestimmte Formatierung, damit man sofort einen Überblick darüber bekommt, wo und wann die Szene spielt, was die Schauspieler tun sollen und welche Dialoge sie führen sollen.

Illustration:

Wie du in der Illustration oben sehen kannst, gibt es eine gute Abwechslung zwischen Regieanweisungen und Dialogen. Wenn du nur Dialoge ohne Regieanweisungen schreibst, ist es für die Schauspieler schwierig, die Szene zu spielen, denn sie sehen zwar, was sie sagen sollen, erhalten aber keine Informationen darüber, wie sie die Szene spielen sollen.

Als Faustregel gilt, dass pro drei Dialoge eine Regieanweisung stehen sollte, um sicher zu sein, das auch genügend Handlung zwischen den Repliken passieren.

Wenn du dein Drehbuch schreibst, ist es wichtig den Übergang von einer Szene zur nächsten zu berücksichtigen, damit wir als Zuschauer den Wechsel von Zeit und Ort spüren können.

Es kann im Schnitt auch manchmal schwierig sein, direkt von einer Person zu schneiden, die sich an einem Ort befindet, und dann zu derselben Person zu schneiden, die einige Stunden später an einem anderen Ort ist. Versuche, dazwischen etwas einzufügen, das Sinn ergibt und vielleicht bestimmte Gefühle und Stimmungen unterstreichen kann.
HINWEIS: Sogenannte Transportszenen wirken oft langweilig, speziell wenn auf dem Wege nichts passiert – versuche etwas in solche Szenen einzubauen, was relevant für die Geschichte oder die Figuren ist.

Eine Szene wird auf eine besondere Weise geschrieben, und auch wenn du die richtige Formatierung der Szene in einem Textverarbeitungsprogramm machen kannst, ist es viel einfacher, dein Drehbuch in einem Drehbuchprogramm zu schreiben.

Es gibt eine Reihe verschiedener Optionen: Celtx, WriterDuet, Fade In, Final Draft usw. In der Regel handelt es sich dabei um kostenpflichtige Programme, aber einige bieten kostenlose Testversionen an, die mit Einschränkungen genutzt werden können. Wenn du gemeinsam mit anderen schreibst, ist es ratsam, ein Programm zu wählen, bei dem du das Projekt mit anderen teilen kannst.

Wir empfehlen ein Programm namens Celtx, mit dem du ein kostenloses Projekt erstellen kannst, das du mit anderen teilen kannst.

Haftungsausschluss: Wir stehen in keiner Verbindung zu Celtx oder einem seiner Partner und ziehen keinerlei finanziellen oder sonstigen Vorteil daraus, Celtx zu empfehlen.

Übung – Schreibe dein Drehbuch


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